Strom und Klima

Die Schweizer Elektrizitätsbranche schmückt sich oftmals damit, einen CO2-freien Strom-Mix anzubieten. Diese Aussage ist mir Vorsicht zu geniessen. Zwar wird Strom hierzulande zu 56 Prozent aus Wasserkraft- und zu 39 Prozent aus Kernkraftwerken gewonnen. Wenn man die vorgelagerten Prozesse, beispielsweise den Uranabbau, vernachlässigt kann man den Schweizer Produktions-Mix tatsächlich als sehr CO2-arm bezeichnen.

Die Schweiz ist jedoch in ein internationales Stromnetz eingebunden und pflegt mit dem Ausland einen regen Stromhandel. Die Herkunft und die CO2-Intensität des hierzulande verbrauchten Stroms entsprechen deshalb in keiner Weise dem inländischen Produktions-Mix.

Wie CO2-lastig aber ist der in der Schweiz konsumierte Strom? Dieser Frage sind erstmals Wissenschaftler der TEP Energy GmbH systematisch nachgegangen und haben ihre Ergebnisse in der Studie „CO2-Intensität des Stromabsatzes an Schweizer Endkunden“ präsentiert. Das Resultat kratzt am treibhausgasarmen Etikett des Schweizer Strommixes.

In der Schweiz werden jährlich rund 5.5 Millionen Tonnen Öl-Äquivalent Strom produziert. Nur etwa 60 Prozent davon werden im Inland verbraucht. Der Rest wird ins Ausland exportiert. Die Schweiz importiert jährlich beachtliche Stromvolumina (rund 4 Millionen Tonnen Öl-Äquivalent). Etwa ein Drittel davon fliesst direkt weiter in andere Abnehmerländer (Stromtransit). Der Rest geht an die Endverbraucher oder die Stromproduzenten, beispielsweise für den Betrieb von Pump-Speicherkraftwerken.

Die Wissenschafter zeigen auf, dass die Importe die CO2-Bilanz des in der Schweiz verbrauchten Stroms stark belasten. Zwar bewirkt die inländische Produktion lediglich 0.8 Millionen Tonnen CO2-Emissionen. Der vor allem aus Gas-Kombi- und Kohlekraftwerken stammende Strom aus dem Ausland ist aber stark CO2-lastig – in Europa basiert mehr als die Hälfte der Stromerzeugung auf fossilen Energieträgern. Insgesamt importiert die Schweiz knapp 8 Millionen Tonnen CO2 aus den Stromeinfuhren. Einen Teil des importierten Stroms davon verkauft sie zwar wieder ins Ausland. Der Löwenanteil bleibt jedoch in der Schweiz. Der im Inland verbrauchte Strom – so die Wissenschafter - ist insgesamt mit 5.7 Millionen Tonnen CO2 belastet, was pro verbrauchte Kilowattstunde rund 100 gr CO2 ausmacht. Das ist mehr, als die Schweiz im Rahmen der Kyoto-Vereinbarung jährlich reduzieren muss.

Dieses Ergebnis macht deutlich, dass die häufig aus klimapolitischen Gründen propagierte Elektrifizierung des Energiesektors, die zu einem deutlichen Stromverbrauchsanstieg führt, kritisch hinterfragt werden muss. Beispielsweise muss bei der Diskussion um den verstärkten Einsatz elektrobetriebener Fahrzeuge oder Wärmepumpen die CO2-Intensität des in der Schweiz verbrauchten Stroms berücksichtigt werden. Die Privilegierung von Strom gegenüber fossilen Energieträgern ist schon rein klimapolitisch gesehen nur zulässig, wenn die CO2-arme und umwelteffiziente Stromproduktion nachgewiesen werden könnte. Heute kann dieser Nachweis jedoch nicht erbracht werden.
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