Diversifizierte Ölversorgung der Schweiz
Mit einem Anteil von rund 55 Prozent am schweizerischen Energiekonsum und jährlichen Einfuhren von rund 12 Millionen Tonnen bilden die Erdölimporte das mengenmässig bedeutendste Standbein unserer Energieversorgung. Würden Ölprodukte von einem Tag auf den anderen ausfallen, hätte dies zweifellos negative Folgen für Wirtschaft und Konsumenten. Vordergründig in der Mobilität, wo die flüssigen Treibstoffe heute noch omnipräsent sind. Aber auch im Bereich der Raumwärme und der industriellen Prozesse hätte eine rasch eintretende Ölverknappung Konsequenzen, auch wenn dort die Konsumentenlager typischerweise um einiges höher sind, als dies Tanks in den Fahrzeugen bereitstellen können.
Wie realistisch für unser Land sind Öl-Lieferengpässe ?
Selbst wenn sich in den nächsten Jahrzehnten ein „Peak Oil“ abzeichnen würde, wäre die Vorstellung, wir würden eines Morgens aufwachen und es wäre kein Öl mehr vorhanden, realitätsfremd. Eine Ressourcenverknappung als Folge abnehmender Förderkapazitäten würde die Preise ansteigen lassen, mit der Folge dass der Konsum zurückgehen wird und Alternativen zu den Ölprodukten wirtschaftlich interessanter werden. Auf solche Veränderungen können sich Wirtschaft und Konsumenten einstellen.
Wahrscheinlicher sind demgegenüber Versorgungsstörungen kurzfristiger Natur, die von wenigen Tagen bis zu einigen Wochen dauern können. Verschiedene Ursachen können zu Lieferunterbrüchen führen: Konflikte in den Erdölförderstaaten sowie entlang der Versorgungswege zu Lande und zu Wasser, Streiks in Seehäfen und Raffinerien, Naturereignisse (Unwetter, Hochwasser, Tiefwasser, welche den Betrieb von Pipelines und Schifffahrt einschränken), Reparaturarbeiten in Raffinerien und Pipelines usw. Ein Ereignis allein vermag nur in den allerseltensten Fällen eine Krise hervorzurufen. Kritisch wird es erst beim Zusammentreffen mehrerer auch voneinander unabhängiger Ereignisse (Beispiel: Einschränkung der Rheinschifffahrt und Streik in den südfranzösischen Häfen und Raffinerien).
Das Erdölversorgungsdispositiv der Schweiz verhindert die Bildung von Klumpenrisiken durch Diversifikation der Beschaffung und der Transportwege. Rohöl kommt über Pipelines aus den beiden Häfen Genua und Marseille in die Schweiz und wird in den beiden Raffinerien Cressier/NE und Collombey/VS zu Endprodukten verarbeitet. Damit wird etwas mehr als ein Drittel des Bedarfs gedeckt. Knapp zwei Drittel unserer Erdölnachfrage decken Importe aus europäischen Raffinieren (hauptsächlich Deutschland, Frankreich, Holland, Belgien, Italien); diese Einfuhren erfolgen per Schiff, Pipeline, Schiene und Strasse – und aus praktisch allen Himmelsrichtungen.
Sind die Erdölprodukte in der Schweiz angelangt bzw. hier hergestellt, werden sie in Depots gelagert, deren Kapazitäten total mehr als drei Viertel eines schweizerischen Jahresverbrauchs ausmachen und praktisch über das gesamte Landesgebiet verteilt sind. Mit der durch den Bund beaufsichtigten Pflichtlagerhaltung wird sichergestellt, dass immer der Bedarf von 4.5 Monaten für Benzin, Dieselöl und Heizöl und von 3 Monaten für Flugpetrol vorrätig ist. Die vielen Konsumententanks (von privaten und industriellen/gewerblichen Kunden) erhöhen darüber hinaus die Versorgungsautonomie.
In der Vergangenheit gab es Fälle, in denen ein Versorgungsunterbruch befürchtet wurde. Kurzfristige Störungen auf einem einzelnen Versorgungsweg gab es immer wieder, indessen brach hierzulande noch nie eine eigentliche Krise aus, die z. B. eine Freigabe der Pflichtlager notwendig gemacht hätte. Die Ölversorgung ist diversifiziert, kann rasch angepasst werden und profitiert dabei vor allem vom Umstand, dass sie nicht zu 100 Prozent leitungsabhängig ist (wie das beim Erdgas und beim Strom der Fall ist). Zudem können Erdölprodukte selbst auf längere Zeit hin gelagert werden – auch das ist ein logistischer sowie versorgungsmässiger Vorteil dieses Energieträgers.