Risiken der Erdölförderung

Wenn man die Geschichte der Erdölförderung schreibt, kommt man nicht um Krisenereignisse herum, die zum Teil erhebliche Implikationen auf die Umwelt und auf die regionale oder sektorielle Wirtschaft hatten. Die jüngsten Ereignisse im Golf von Mexiko sind zweifellos die gravierendste Krise, welche die Branche je bewältigen musste.

Wie viele Meerestiere verenden, wie lange die Küstenregionen verschmutz bleiben und wie gross der Schaden für die Wirtschaft in der Region sein wird, ist derzeit noch Gegenstand von Spekulationen. Um Fragen dieser Art zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf ähnliche Ereignisse.

Einer der gravierendsten Unfälle in der Geschichte Nordamerikas datiert auf den 24. März 1989. An der Westküste Alaskas strandete der Tanker „Exxon Valdez“; rund 40'000 Tonnen Rohöl flossen ins Meer. Bilder von sterbenden Kreaturen gingen um die Welt und erschütterten weit über Amerika hinaus. Es galt das Dogma, dass die Küstenlandschaft nie mehr ihre Schönheit und Biodiversität zurückerlangen würde. Doch bereits drei Jahre später war die Verschmutzung mit blossen Augen nicht mehr sichtbar. Auch der Einfluss auf die Tierwelt war nicht mehr messbar. Keine Spezies verschwand aus der Region. Einzelne Populationen vermehrten sich sogar.

Im Golf von Mexiko hat bereits einmal eine auffällig schnelle Selbstreinigung der Natur stattgefunden. Eine misslungene Bohrung auf einer Ölplattform löste 1979 die zweitgrösste Ölverschmutzung aller Zeiten aus. Erst nach neun Monaten konnte das austretende Öl auf dem Meeresgrund gestoppt werden. Die Schäden an der Meeresflora und -fauna waren erheblich. Aber fünf Jahre später waren die Spuren kaum noch sichtbar. Und die vorher überfischten Populationen konnten sich unter anderem erholen, weil über Jahre hinweg Fangverbote verhängt wurden.

Dieser Erläuterungen dürfen weder zynisch noch als Entschuldigung der Erdöl-Wirtschaft verstanden werden. Denn selbstverständlich sind die kurzfristigen Auswirkungen von Erdölkatastrophen verheerend. Die Selbstreinigungskräfte der Natur sind dennoch äusserst interessant.

Erdöl ist ein organischer Rohstoff und für viele Bakterienarten eine ideale Nahrungsquelle. Die Bakterien entwickeln dabei eine erstaunliche Dynamik und kooperieren sogar, wenn es um die Aufspaltung der verschiedenen Komponenten des Öls geht. Neben der bakteriellen Biomasse bleiben lediglich Kohlendioxid und Wasser als Reststoffe zurück.

Ölverwertende Bakterienkolonien sind im Golf von Mexiko zahlreich vorhanden. In der Golfregion gibt es tektonische Risse im Meeresgrund, aus welchen permanent Rohöl austritt. Ohnehin müssen die Ozeane ständig Erdöl „verarbeiten“: Öl, das von Schiffen freigesetzt wird, veröltes Abwasser aus Flüssen oder Lecks von küstennahen Förderanlagen. Am meisten Öl - weitaus mehr als bisher durch Unfälle freigesetzt wurde, stammt aus natürlichen Quellen unter dem Meeresspiegel. Jährlich sind das gut 175'000 Tonnen alleine an den Küstengewässern der Vereinigten Staaten.

Es ist verständlich, dass die aktuellen Meldungen aus dem Golf von Mexiko erschüttern und Massnahmen zur Verhinderung vergleichbarer Ereignisse motivieren. Die Regierung Obama will vor den Küsten ein Bohrmoratorium verhängen. US-Politiker fordern, dass Unternehmen künftig statt bis zu maximal 75 Millionen US-Dollar bis zu 10 Milliarden US-Dollar haften müssen. Auch die EU hat bereits reagiert und droht mit härteren Auflagen.

Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit, alle möglichen Vorkehrungen zu treffen, um vergleichbare Ereignisse künftig zu verhindern, tut die Politik aber gut daran, Vernunft walten zu lassen. Entscheidend sind nicht Regulierungen oder finanzielle Restriktionen für Energiekonzerne. Es darf nicht vergessen werden, dass die Erdölunternehmen ein natürliches Interesse daran haben, die Sicherheit zu verbessern und deshalb auch substanziell in diese investieren. Denn Ereignisse wie im Golf von Mexiko sind für die Branche generell und im Speziellen für die involvierten Unternehmen ein existenzgefährdendes Fiasko. Die Imageschäden sind enorm, der Aktienkurs von BP hat sich in der Zwischenzeit halbiert, das Rating wurde substanziell herabgestuft und Experten schätzen, dass BP insgesamt bis zu 50 Milliarden US-Dollar an Schadenersatz aufbringen werden muss.
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